Die Arbeit in einer international – auf dem Gebiet des Kapitalmarktrechts – agierenden Kanzlei ist immer eine besondere Erfahrung. Hat man jedoch die Möglichkeit, für eine solche Kanzlei, am Standort in Miami zu arbeiten, wird aus einer besonderen – eine einmalige Erfahrung. Eine Erfahrung die ich gerne mit Dir teilen würde!

Wahlstation zur Coronazeit

Ich stehe am Bahnhof in Duisburg. Es ist windig und kalt. Ich bin müde. Bis mein Zug kommt wird es noch 30 Minuten dauern. Was würde ich alles dafür tun, bereits jetzt zu Hause zu sein. Ich muss mir die Zeit vertreiben. Ich stelle meinen Schönfelder ab und suche in meiner Tasche nach meinem Handy. Endlich- gefunden! Hat mir irgendjemand geschrieben? Mehrere WhatsApp Nachrichten und eine neue E-Mail. Ich öffne die E-Mail und vergesse kurz, dass ich am windigen und kalten Bahnhof in Duisburg stehe. Stattdessen bin ich einfach nur glücklich. Warum? Ich habe gerade eine Zusage für meine Wahlstation in Miami erhalten!

Amerika hat mich schon immer fasziniert; Land und Leute, aber eben auch das Rechtssystem.

Aus diesem Grund war ich auf die Deutsch-Amerikanische Juristenvereinigung aufmerksam geworden, welche bei der Vermittlung von Praktika-und Wahlstationen in Amerika behilflich ist. Der erste Kontakt war ausgesprochen herzlich und schon bald bekam ich eine Liste mit Kanzleien in den USA zugeschickt, welche potenziell bereit sind deutsche Rechtsreferendare im Rahmen der Wahlstation auszubilden. Von dieser Liste, so hieß es, dürfte ich 5 Kanzleien meine Bewerbung zukommen lassen. Die Liste war lang und ich tendenziell überfordert mit den schier endlosen Möglichkeiten. Immer wieder nahm ich die Liste zur Hand und dachte über meine verschiedenen Optionen nach. Welches Rechtsgebiet interessiert dich wirklich? Großkanzlei? Ein-Mann Kanzlei? Mittelstand? Boutique? Welche Stadt wolltest du schon immer einmal sehen? In dem Moment schien alles möglich zu sein.

Nach einigen Tagen aber klärte sich die Situation für mich immer weiter auf und meine 5 Favoriten standen fest. Eine Kanzlei hatte es mir dabei besonders angetan. DRRT- eine primär aber nicht ausschließlich in Miami ansässige Kanzlei, welche institutionelle Investoren in sämtlichen Aspekten globaler Verlustausgleichmöglichkeiten berät. Ein konkretes Ziel vor Augen verfasste ich nunmehr meine Bewerbungen.

Bereits wenige Tage später stand ich am Bahnhof in Duisburg und hielt die Zusage für meine Wahlstation bei DRRT in den Händen!

Danach passierte lange Zeit erstmal überhaupt nichts. Dies war (auch) der Tatsache geschuldet, dass ich mich über ein Jahr vorher für meine Wahlstation beworben hatte. Meines Erachtens ein Muss. Denn je später man sich bewirbt, desto eher läuft man Gefahr, keinen der begehrten Plätze mehr zu erhalten. Wartezeit, die man unter diesem Gesichtspunkt gerne in Kauf nimmt.

Somit begann ich erst ein halbes Jahr später damit mich um die Beantragung meines Visums zu kümmern; denn grundsätzlich benötigt jeder Rechtsreferendar der seine Wahlstation in Amerika absolviert ein sogenanntes J1 Visum. Der Visumsprozess ist meines Erachtens eine der größten organisatorischen Hürden, welche es zu nehmen gilt. Es müssen eine Vielzahl an Unterlagen besorgt und eingereicht, Formulare ausgefüllt und Telefonate geführt werden. All das, während man Mitten in seiner Anwaltsstation steckt und sich intensiv auf die anstehenden Examensprüfungen vorbereitet. Dazu kommen Kosten in Höhe von ungefähr 1.100 Euro, die man schon allein wegen der oft eher spärlichen Unterhaltsbeihilfe zwingend einkalkulieren sollte.

Brickell-Downtown

Parallel musste ich mich nach Wohnungen umschauen. Dabei konnte ich auch auf die Erfahrung von Referendaren zurückgreifen, die bereits vor Monaten ihre Wahlstation bei DRRT in Miami abgeleistet hatten. Nach einigem Suchen entschied ich mich für ein Airbnb Zimmer bei Brickell in Downtown. Airbnb ist oft in der Verrufung, deutlich zu teuer zu sein. Im Internet lassen sich außerdem echte Horrorgeschichten über Airbnb Zimmer und Wohnungen finden. Ich für meinen Teil kann diese aber nicht bestätigen. Im Gegenteil. In meinem Fall waren die Gastgeber sehr aufgeschlossen und freundlich, mein Zimmer immer sauber und die Lage des Airbnb schlichtweg perfekt!

Nachdem ich einige Zeit später auch meine Flüge gebucht hatte, war die Planung Anfang November sodann endlich abgeschlossen.

Nur wenige Wochen später brach in Wuhan in China ein Virus aus. Covid-19. Ich registrierte die Meldung und schenkte der Sache ansonsten keine weitere Aufmerksamkeit mehr. China war weit weg und ich stand unmittelbar davor mein zweites Staatsexamen zu schreiben. In meinem Leben gab es wichtigere Dinge –  oh little did I know.

Wenige Wochen später saß ich voller Vorfreude im Flugzeug nach Miami.

Covid-19? Längst vergessen!

In Miami angekommen arbeitete ich nunmehr täglich 8 Stunden für DRRT.

DRRT ist eine Kanzlei die weit überwiegend im Kapitalmarktrecht tätig ist. Dabei berät DRRT Großanleger welche nicht nur unerhebliche Verluste an der Börse erlitten haben. Oft sind wissentlich abgegebene fehlerhafte Kapitalmarktinformationen der Grund dafür. Um diese jedoch zweifelsfrei als solche identifizieren zu können, ist oft eine umfangreiche Hintergrundrecherche erforderlich und so gehörte es auch zu meinen Aufgaben Presseartikel auszuwerten und unternehmensinterne Dokumente zu sichten. Eine sehr spannende Tätigkeit, durch die ich die Gelegenheit bekam das tagespolitische Geschehen in einen juristischen Sachverhalt zu betten. Von der Frage der Beweislast einmal abgesehen, spielte bei meiner Arbeit auch die Frage eine Rolle, in welcher Jurisprudenz eine etwaige Klage die meiste Aussicht auf Erfolg haben könnte. Eine lehrreiche Frage, denn auf diese Weise wurde ich mit unterschiedlichen Rechtssystemen konfrontiert. Wie ist die Rechtslage in Deutschland? Einfach beantwortet. In Amerika? Schon deutlich schwieriger. Und wie funktioniert eigentlich Prozesskostenfinanzierung in  Japan? Gibt es sowas dort überhaupt? Keine Ahnung. Verzweiflung? Keinesfalls! Denn einer der vielen Reize meiner Arbeit für DRRT bestand gerade darin, nahezu täglich neue Sachen zu lernen und mich immer wieder in neue und internationale Sachverhalte hineinzudenken. Meine Arbeit umfasste somit insbesondere auch eine Vielzahl an unterschiedlichen Rechercheaufgaben zum Kapitalmarktrecht. Dabei blieb es aber nicht, denn ich durfte mich auch in praktischer Art und Weise auf meine zukünftige Tätigkeit als Anwältin vorbereiten. Individuelle Mandantenschreiben und Informationsschreiben an die Mandantschaft zählten dabei ebenfalls zu meinen täglichen Aufgaben. Das machte mir besonders viel Spaß, denn die Schriftsätze zeigten mir einmal mehr, dass ich meinem Berufswunsch über die letzten Jahre ein großes Stück näher gekommen war. Dabei konnte ich durch das Abfassen der Schriftsätze auch meine Englischkenntnisse vertiefen. Denn diese mussten stets auf Deutsch und Englisch verfasst werden. Verbessern konnte ich meine Englischkenntnisse darüber hinaus auch durch zahlreiche Übersetzungstätigkeiten von Briefen über Stellungnahmen bis hin zu Vertragswerken.

Insgesamt machte mir die Arbeit sehr viel Spaß was –nicht zuletzt- auch an dem tollen Team von DRRT am Standort Miami lag. Von Beginn an, fühlte ich mich dort sehr gut integriert und betreut. Ich wurde in die unterschiedlichen Fälle eingearbeitet und mir wurde dabei interessantes Hintergrundwissen vermittelt. Hatte ich Fragen, konnte ich jederzeit bei meiner deutschen Ansprechpartnerin vorbeischauen und wollte ich die Mittagspause nicht alleine verbringen, war das gemeinsame Mittagessen nur einen Anruf entfernt.

Nach drei Wochen bei DRRT kam überdies eine weitere Praktikantin –Patricia- in die Kanzlei. Wir verstanden uns von Beginn an gut und besonders im Nachhinein ist es schön zu wissen, dass ich in ihr nicht nur eine Kollegin, sondern eine wirkliche Freundin gefunden habe.

Sonnenuntergang mit Blick auf Downtown

Die Feierabende und die Wochenenden verbrachte ich überwiegend mit anderen Referendaren, die ich –bis auf Patricia- über die Facebook Gruppe „Deutsche in Miami“ kennengelernt hatte. Einige arbeiteten für das Deutsche Konsulat, andere (ebenfalls) für Kanzleien. Wir verstanden uns auf Anhieb und bei bestem Wetter entdeckten wir gemeinsam Miami.

Miami ist eine sehr facettenreiche Stadt. Geprägt durch kubanische Einflüsse, wohnt Miami ein eigener Flair inne, der sich insbesondere in kleinen kubanischen Cafés mit hervorragendem Kaffee und altertümlich anmaßenden Zigarrengeschäften wiederspiegelt. So ist insbesondere auch der Stadtteil Little Havanna eine Sehenswürdigkeit für sich. Künstler und kreative Köpfe leben sich dagegen in Wynwood aus. Abseits der allerseits bekannten und von Touristen belagerten Wynwoodwalls, findet man in Wynwood kleine Boutiquen, welche teilweise mit Kuriositäten bestückt sind, sowie außergewöhnliche Restaurants und Bars. So gehört es auch zu einer meiner schönsten Erinnerungen, dass wir bei einem plötzlichen Regenguss in ein Café einkehrten, welches vollständig dem tropischen Regenwald nachempfunden war. Das Gegenteil von Wynwood ist sicherlich der Ocean Drive. Der Ocean Drive ist eine Straße welche am South Beach in Miami gelegen ist. Hier finden Tag und Nacht Feierlichkeiten diverser Art statt. In den Clubs legen weltbekannte DJs auf, die Bars bieten diverse Karaokeveranstaltungen an und wer will kann sich eine der bekannten Draqqueen Shows ansehen. Hat man genug vom Trubel am Ocean Drive sind es nur wenige Meter bis zum nahegelegenen South Beach.

South-Beach

Der weitläufige weiße Sandstrand bietet eine Vielzahl an Entspannungs- und Sportmöglichkeiten. Will man am Ende des Tages den Abend entspannt ausklingen lassen, sollte man sich auf den Weg nach Downtown machen. Die dortigen Rooftopbars sind absolut lohnenswert. So werde ich nie vergessen, wie ich auf dem Dach des Sugars- einer Rooftopbar im 40. Stock- stand und mit meinem Weinglas über Miami schaute. Ich war stolz auf mich, so weit gekommen zu sein und empfand gleichzeitig große Dankbarkeit dafür in Miami sein zu dürfen. Einer Stadt in der ich Erinnerungen schaffte, die für ein Leben reichen würden.

Covid-19 da war doch was?

Bar „Crazy about you“

Egal, wie unsere jeweiligen Wochen liefen, Mittwochabends trafen wir uns grundsätzlich abends im „Crazy about you“ ,um den Sonnenuntergang am Wasser zu bewundern. Am 11. März 2020 war das anders. Patricia hatte vorgeschlagen, nach Little Havanna zu fahren. Dort gab es das „Ball&Chain“ eine bekannte Karaokebar. Warum nicht, dachten wir und machten uns gegen 20 Uhr auf den Weg. Der Abend war lustig. Wir hatten eben gemeinsam auf der Bühne einen Klassiker von Britney Spears zum Besten gegeben, als unsere Handys nahezu zeitgleich zu vibrieren begannen.

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Meine erste Frage. Warum? Die Antwort: Covid-19.

Plötzlich war ich persönlich betroffen. Denn ich hatte mir für Ende März eine Woche Urlaub genommen. In dieser Woche sollten meine Eltern, meine kleine Schwester und mein Freund nach Miami kommen. Von dort wollten wir zu einer 1-wöchigen Segeltour auf die Bahamas aufbrechen.

Die Enttäuschung war grenzenlos, aber noch war wenigstens ich in Miami.

Noch…

Hatte Covid-19 bis dato keine Rolle in meinem Leben gespielt, ging ab dem Abend im Ball&Chain alles sehr schnell. Die ersten Flüge wurden storniert und meine Freundinnen fragten mich wann ich denn nun nach Deutschland zurückkommen würde. Eine Frage, die ich zu diesem Zeitpunkt selber nicht beantworten konnte. Ich wollte in Miami bleiben- so sehr! Aber nicht um jeden Preis. Eine Entscheidungshilfe kam sodann von meiner Stammdienststelle. Mir wurde dringend empfohlen, zurück nach Deutschland zu kommen. Meine Gesundheit und Sicherheit gehe dem Aufenthalt in Miami vor und ich solle wenn möglich von Deutschland aus meine Wahlstation beenden. Gesagt getan.

Bereits Ende März saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Hause.

Zuhause angekommen, kam mir die Zeit in Miami vor wie ein schöner Traum. Hatte ich dort alle Freiheiten gehabt, fand ich mich in Deutschland plötzlich im Lockdown wieder. Meine Eltern gingen nur noch wenn absolut notwendig aus dem Haus und meine kleine Schwester hatte schon seit Wochen ihre Freundinnen nicht mehr gesehen. Auch mein Freund ging nicht mehr ins Büro, sondern arbeitete nur noch von zu Hause aus. Das ich in Miami eine Woche zuvor noch Springbreak gefeiert hatte konnte und wollte mir zu Hause niemand so richtig glauben. Aber, so enttäuscht ich auch war so dankbar war ich zur selben Zeit für die Chance die DRRT mir gegeben hatte-  Arbeit im Homeoffice.

Denn die Arbeit von Deutschland aus brachte mir zumindest ein Stück meiner Zeit in Miami zurück.  Dank Dienstlaptop hatte ich vollen Zugriff auf mein E-Mail Postfach und stand im täglichen Kontakt mit meinen amerikanischen Kollegen. Das genoss ich sehr. Denn obwohl uns nunmehr 7.618 km trennten, wurde ich auch weiterhin als vollwertiges Kanzleimitglied wahrgenommen. Meine Aufgaben, unterschieden sich dadurch auch nicht von denen, die ich in meiner Zeit in Miami gehabt hatte. Ich las, recherchierte und verfasste. Hatte ich einmal eine Frage wurde ich stets unterstützt und niemand schreckte davor zurück mir (auch) via E-Mail den strittigen Sachverhalt nochmal genau zu erklären. Das ich körperlich nicht in Miami war, konnte ich so jedenfalls unter der Woche nahezu vergessen; etwas, was ohne die schnelle und unkomplizierte Hilfe von DRRT so sicherlich nicht möglich gewesen  wäre!

Inzwischen ist meine Wahlstation beendet und  Covid-19 wird noch einige Zeit unser aller Leben bestimmen. Gleichwohl wird es eine Zeit geben in der Flugzeuge wieder fliegen und reisen wieder möglich sein wird.  Für diese Zeit, möchte ich Euch Alle ermutigen, Eure Wahlstation im Ausland zu absolvieren. Für mich lief die Wahlstation vollkommen anders als geplant. Ich hätte nie damit gerechnet früher nach Hause fliegen zu müssen. Aber ich hätte auch nie damit gerechnet, dass mir die tägliche Arbeit so viel Spaß machen würde und ich Leute treffen würde, die ich heute nicht mehr missen möchte!

In diesem Sinne:

Go for it! Es wird die Zeit Eures Lebens werden!

Mariolina Münzel
lili.muenzel(at)web.de.

Mariolina Münzel studierte Rechts-wissenschaften an der Universität Trier. Dort absolvierte sie unter anderem auch die Fachspezifische Fremdsprachenausbildung (FFA) die sie nach zwei Jahren mit einem Teilstudienabschluss im anglo-amerikanischen Recht abschloss. Es folgte ein 4-wöchiges Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei in Edmonton, Kanada. Aktuell ist Frau Münzel Rechtsreferendarin im Bezirk des OLG Düsseldorfs. Ihre Wahlstation leistete sie in einer internationalen Kanzlei in Miami ab.

 

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